Weg vom Schreibtisch, rein in den Stall
Als Stadtmensch wollte ich mit der Aktion "Hof mit Zukunft" die Arbeit von Landwirtinnen und Landwirten einmal aus nächster Nähe erleben — nicht als Schlagzeile, sondern im Alltag. Als Ökotrophologin interessiert es mich auch von Berufswegen, wie unsere Lebensmittel produziert werden. Welchen Herausforderungen stehen Landwirtinnen und Landwirte gegenüber? Warum entscheiden sie sich für einen biologischen oder konventionellen Betrieb?
Ich war zu Gast auf dem konventionell geführten Milchhof von Ruben Dehning in Schneverdingen. Er führt seit 10 Jahren den Familienbetrieb (gibt es seit 1874) mit rund 130 Milchkühen, etwa 150 Hektar Fläche für Futtermittelproduktion und Biogasanlage.
Der Alltag auf dem Milchviehhof besteht im Wesentlichen aus Fütterung, Melken, Kontrolle der Tiere, Stallarbeit, Pflege, Technik, Organisation, Dokumentation und ständigem Beobachten. Und dann kommen die "Sonderaufgaben" hinzu: Ich war bei einem Not-Kaiserschnitt dabei, auch bei zwei natürlichen Kalbungen. Und selbstverständlich benötigen Mutter- und Jungtiere besondere Zuwendungen direkt nach der Geburt.
Beeindruckt hat mich der Umgang von Ruben mit seinen Tieren. Er kennt Namen, Abstammung und Besonderheiten der Kühe. Sie sind nicht einfach nur Nummern, sondern Tiere, mit denen er täglich arbeitet und lebt.
Gleichzeitig ist Rubens Hof hochmodern. Hier läuft viel über Digitalisierung: Die App auf seinem Smartphone liefert kontinuierlich Daten beispielsweise zum Wiederkau-, Trink- und Bewegungsverhalten sowie zur Körpertemperatur der Tiere. Weiterhin gibt es in seinem neuen Stall zwei Melkroboter.
Und trotzdem bleibt vieles Handarbeit. Einige Kühe müssen morgens und abends zum Melken gebracht werden, weil sie nicht von allein zum Melkstand gehen. Hängt das Euter zu tief, haben wir von Hand angemolken. Kälber bekommen die Flasche und Hilfe beim "Trinkenlernen": Das war kraftanstrengender als man sich das vielleicht vorstellt.
Mir haben die Tage deutlich gezeigt, wie viel Verantwortung Landwirtinnen und Landwirte tragen. Für das Tierwohl. Für die Versorgung. Aber auch hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit des Betriebs.
Was mir an den Tagen ebenso bewusst wurde: Der Hof bringt nicht nur jede Menge Arbeit mit sich, sondern auch Verzicht. Wenige Urlaubstage, wenig Freizeit, wenig gemeinsame Zeit mit der Familie. Die Entscheidung für diesen Beruf prägt nicht nur den Betrieb, sondern das ganze Familienleben. Rubens Frau koordiniert im Hintergrund Familie und Haushalt. Auch das wird oft zu wenig gesehen.
Wir sollten bei all den freiwilligen Gesundheits-Trackings und Selbstoptimierungsmaßnahmen nicht vergessen, dass am Anfang der Lebensmittelproduktion die Landwirtschaft steht. Sie ist die Basis für das, was auf unseren Tellern landet. Sie verdient mehr Respekt, mehr Bewusstsein, mehr Wertschätzung. Und vor allem weniger Lebensmittelverschwendung.
Und: Ich kann jeder und jedem nur empfehlen, sich sein eigenes Bild zu machen. Essen und Landwirtschaft gehen uns alle an! Die Aktion wird mit viel Leidenschaft vom Bündnis „Wir haben es satt!“ organisiert und begleitet. Die Warteliste für 2027 steht schon bereit!
Karen Strube ist Ökotrophologin, arbeitet zum Thema Ernährungswissenschaften an einer Fernhochschule und ist im Ernährungsrat Hamburg aktiv.
Stichworte
Themen
- Agrarexporte (29)
- Pestizide (36)
- Essen ist politisch (73)
- Tierhaltung (47)
- GAP 2020 (40)