Keine Entwarnung

Ein Jahr Bayer-Monsanto-Übernahme: wie sich ein desaströses Geschäftsmodell noch verstärkt

Das gab es noch nie bei einem Dax-Konzern: Unzufriedene Anteilseigner*innen verweigerten dem Bayer-Vorstand bei der Hauptversammlung im April die Entlastung. Der Hauptgrund: Seit der Übernahme des Saatgut- und Gentechnikkonzerns Monsanto vor einem Jahr ist der Aktienkurs eingebrochen. Und es könnte noch schlimmer kommen. Geht der Konzern an dem Ackergift Glyphosat zugrunde?

Anders als es der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Baumann bei der Übernahme des Saatgut- und Pestizidmultis Monsanto im Juni 2018 angekündigt hat, ist der Konzern keineswegs „nachhaltiger“ geworden. Allein die CO2-Emissionen von Bayer sind 2018 um 50 Prozent gestiegen. Auch den Einsatz seiner Pestizide will Bayer zumindest in Nord- und Lateinamerika weiter steigern. Doch Bayers Geschäftspraktiken treiben nicht nur den Klimawandel, das Bienensterben und die Verschlechterung von Böden voran, sondern schaden auch den Menschen: vor allem den Bauern und Bäuerinnen sowie den Plantagenarbeiter*innen, die die giftigen Pestizide rund um den Globus ausbringen müssen, sowie den Bewohner*innen der Anbaugebiete, etwa von Gensoja in Argentinien.

Dabei verkauft Bayer gezielt in Ländern mit schwächerer Zulassungsprüfung giftige Pestizide, die hierzulande längst verboten sind. So zum Beispiel in Brasilien: Dort vertreibt Bayer heute sogar 50 Prozent mehr Wirkstoffe, die in der Europäischen Union verboten sind, als noch 2016. Damit trägt Bayer zu den 200.000 Todesfällen jährlich aufgrund von Pestizidvergiftungen bei, von denen 99 Prozent in Ländern des globalen Südens zu verzeichnen sind.

In den vergangenen Wochen geriet Bayer immer wieder mit Negativschlagzeilen in die Medien. Hervorzuheben ist dabei zum einen die Berichterstattung über eine Liste von kritischen Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und Journalist*innen in sieben Ländern, darunter Deutschland, Italien und Frankreich, die Monsanto seit 2016 führen ließ. Und zum anderen sind es die Prozesse in den USA wegen schwerer Krankheitsfälle durch den Gebrauch Glyphosat-haltiger Produkte von Monsanto. Im bislang dritten Prozess gegen Bayer-Monsanto sprach ein Gericht in San Francisco einem Ehepaar Mitte Mai mehr als zwei Milliarden US-Dollar Schadensersatz zu. Laut der Geschworenen sei Monsanto für die Krebserkrankungen der Kläger haftbar zu machen. Mehr als 13.000 Klagen sind inzwischen in den USA anhängig.

Nun wird Bayer zahlen müssen. Denn mit dem Kauf von Monsanto – wegen seiner skrupellosen Geschäftspraktiken immer wieder als der weltweit unbeliebteste Konzern eingestuft – hat Bayer nicht nur dessen Produkte wie das Glyphosat-haltige „Roundup“, sondern auch die Haftung für diese Produkte übernommen. Eine erste Schadenersatzforderung über 289 Millionen US-Dollar wurde im August 2018 für Kläger Dewayne Johnson verkündet. Diese Summe wurde zwar noch auf 78 Millionen US-Dollar reduziert und die Berufungsverhandlung steht noch aus. Doch bei der Zahl der Klagen könnte die Monsanto-Übernahme Bayer teuer zu stehen kommen. So ist der Wert der Aktien im vergangenen Jahr um rund 40 Prozent eingebrochen, der Börsenwert von Bayer ist aktuell niedriger als der Kaufpreis von Monsanto.

Es ist natürlich zu begrüßen, dass die Schädlichkeit des Geschäftsmodells von Bayer-Monsanto nun stärker an die Öffentlichkeit gelangt. Zudem ist Glyphosat nur ein Beispiel für die umwelt- und gesundheitsschädliche Produktpalette des Konzerns. Und es ist auch wahrscheinlich, dass Klagen weiterhin vor allem aus einem Land wie den USA – oder zuletzt auch Frankreich – kommen werden, wo der Zugang zur Justiz vergleichsweise gut ist, und nicht etwa aus Brasilien.

Die Gerichtsverhandlungen in Kalifornien sind zweifelsohne wegweisend. Doch viel zu wenig wird bisher in der öffentlichen Debatte darüber diskutiert, was die systematische Vermarktung von teils hochgiftigen Pestiziden und gentechnisch verändertem Saatgut mit der Landwirtschaft und den Menschen im globalen Süden macht.

Bayers Geschäftspraktiken im globalen Süden

Man braucht nicht lange zu suchen, um zahlreiche Beispiele für Bayers gesundheits- und umweltschädliche Geschäftspraktiken im globalen Süden zu finden. So setzt sich Bayer in Argentinien aktuell für ein neues Saatgutgesetz ein, das ganz und gar auf Patentierung setzt und den Nachbau von eigenem, bäuerlichem Saatgut einschränken soll. Das Vorhaben kursiert bereits unter dem Namen „Bayer-Monsanto-Gesetz“. Bayers Begründung für die Notwendigkeit eines neuen Saatgutgesetzes: Die derzeitige Rechtslage sei nicht an die moderne Welt angepasst.

Darüber hinaus will Bayer das Monsanto-Projekt WEMA (Water Efficient Maize for Africa) weiterführen, das gentechnisch veränderten Mais von Monsanto auf Testfelder in Kenia, Mosambik, Südafrika, Tansania und Uganda gebracht hat. Immer mehr Studien belegen inzwischen die Unwirksamkeit der Genmaissorte in puncto Dürreresistenz, gleichzeitig häufen sich die Hinweise auf resistente Insekten.

Auch die Bauernorganisation UNAC (União Nacional de Camponeses) in Mosambik ist besorgt angesichts der möglicherweise anstehenden Kommerzialisierung des Monsanto-Genmaises. Die Partnerorganisation von INKOTA hat erst vor wenigen Jahren miterlebt, wie das Gentechnik-Verbot in Mosambik zugunsten großer Agrarkonzerne aufgehoben wurde, und sieht die Erhaltung ihres lokal angepassten, bäuerlichen Saatguts in Gefahr.

Bayer-Hauptversammlung: Vielfältige Kritik und Entlastung des Vorstands verweigert

Auch dieses Jahr fanden sich wieder zahlreiche Bayer-Kritiker*innen bei der Hauptversammlung des Konzerns Ende April in Bonn ein. Während vor den Toren des World Conference Centers rund 500 Jugendliche von der Bewegung „Fridays for Future“ lautstark protestierten, nahmen die Redner*innen in der Hauptversammlung kein Blatt vor den Mund. In meinem Redebeitrag legte ich einen besonderen Fokus auf die Folgen der Verdrängung von bäuerlichem Saatgut für die Landwirtschaft im globalen Süden sowie auf das Thema Digitalisierung in der Landwirtschaft. Denn mit Monsanto hat Bayer auch die weltweit führende digitale Plattform Climate Fieldview gekauft – laut einigen Expert*innen das eigentliche Sahnestück der Übernahme. Mit dem neuen Farm-Management-System will Bayer seinen Kund*innen ein „Gesamtpaket digitaler Lösungen“ anbieten – und sich an den Erlösen der Landwirt*innen beteiligen.

Landwirte werden natürlich nur dann in digitale Lösungen investieren, wenn dies tatsächlich für sie auch einen Mehrwert schaffen kann.

Baumann, Bayer-Vorstandschef

Bayers Rechtfertigung für das Eintreiben von Gebühren: Durch die Anwendung digitaler Technik seien Mehrerträge zu erwarten. Und was passiert, wenn keine Mehrerträge erwirtschaftet werden, muss die Bäuerin dann trotzdem zahlen? Darauf antwortete Bayer-Vorstandsvorsitzender Baumann: „Landwirte werden natürlich nur dann in digitale Lösungen investieren, wenn dies tatsächlich für sie auch einen Mehrwert schaffen kann, zum Beispiel wenn diese digitalen Lösungen helfen, die Kosten zu senken und die Erträge ihrer landwirtschaftlichen Fläche zu steigern. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir geschäftliche Details zu einer Aufteilung von Mehrerlösen zwischen Bayer und den Landwirten nicht nennen können.“

Die Frage, wie Bayer in Zukunft die Einhaltung des Rechts auf Saatgut (verankert in Form der sogenannten Farmers‘ Rights im Saatgutvertrag der UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO sowie in der jüngst verabschiedeten UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen) garantieren wolle, ließ Baumann gänzlich unbeantwortet. Zu den Lobbyaktivitäten für eine „Modernisierung“ des argentinischen Saatgutgesetzes antwortete der Bayer-Vorstand: „Bayer unterstützt Kleinbauern in vielen Teilen der Welt, auch in Argentinien, indem wir landwirtschaftliches Wissen, Produkte, Technologien zur Verfügung stellen, mit denen die Kleinbauern ihre Ernten und Erträge sichern können. Wir werden uns in Argentinien auch weiterhin aktiv an der Diskussion beteiligen und wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass Kleinbauern in diesem Land ein möglichst breites Portfolio an innovativen Lösungen zur Verfügung steht.“ Im Vorfeld der Hauptversammlung hatte Bayer sogar offiziell auf seiner ominösen „Hier sind die Fakten“-Webseite Stellung zu den Anschuldigungen bezogen. Auch hier bekräftigte Bayer noch einmal die Einhaltung aller regulatorischen Anforderungen im jeweiligen Land der Geschäftstätigkeit und rühmte sich mit „beispielhaften Leistungen in den Bereichen Menschenrechte und Umweltschutz“.

Die diesjährige Hauptversammlung war zweifelsohne ein historisches Ereignis. Denn nicht nur die „klassischen“ Bayer-Kritiker*innen – darunter Vertreter*innen von Nichtregierungsorganisationen, ein Aktivist aus Brasilien und eine Imkerin – äußerten schwere Vorwürfe. Auch die herkömmlichen Anteilseigner einschließlich mehrerer Großinvestoren, übten heftige Kritik an der Monsanto-Übernahme und den damit verbundenen Glyphosat-Prozessen.

Die Hauptversammlung dauerte mit über 60 Redebeiträgen in zwölf Stunden zwar außerordentlich lange, aber lanweilig war sie keineswegs. Erst recht nicht das Endergebnis: Zum ersten Mal in der Geschichte eines Dax-Unternehmens wurde der Vorstand von der Mehrheit (55 Prozent) der Stimmberechtigten nicht entlastet – solch ein Misstrauensvotum hat es noch nie gegeben! Es erstaunt zwar, dass vor einem Jahr – knapp vor der offiziellen Übernahme von Monsanto – noch 97 Prozent der Bayer-Aktionär*innen mit der Konzernführung einverstanden waren. Bauern-, Umwelt und entwicklungspolitische Organisationen wie INKOTA hingegen hatten schon vor zweieinhalb Jahren begonnen, auf die Risiken der Bayer-Monsanto-Fusion hinzuweisen. Der Fokus lag dabei zwar weniger auf den Entwicklungen des Konzerns an der Börse als vielmehr auf den Auswirkungen der Fusion auf die Landwirtschaft hier ebenso wie im globalen Süden. Und dennoch, auch wenn wir völlig unterschiedliche Interessen verfolgen: Bayer-Chef Baumann hätte auf uns hören sollen! Zum Wohl der Kleinbauern und -bäuerinnen, Landarbeiter*innen und Verbraucher*innen weltweit.


Zum Weiterlesen: Die Broschüre „Advancing Together? Ein Jahr Bayer-Monsanto: eine kritische Bilanz“ von INKOTA und MISEREOR.


Dieser Text von Lena Michelsen ist zuerst in leicht veränderter Form in Südlink 188 vom Juni 2019 erschienen. Die Autorin ist Referentin für Landwirtschaft und Welternährung bei INKOTA.