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Tierhaltung in Deutschland

Wo kommen eigentlich die Lebensmittel her, die tagtäglich über die Ladentheken gehen? Unglaubliche Mengen an Lebensmitteln brauchen wir in Deutschland, und das nicht nur in Millionenstädten wie Hamburg, Berlin oder München. Bis sie im Handel landen gehen die Lebensmittel meist einen weiten Weg: Klassischerweise wird unsere Nahrung erst erzeugt, dann weiterverarbeitet und schließlich verkauft. In Deutschland werden Unmengen an Fleisch gegessen und auch andere tierische Produkte erfreuen sich ungebrochen hoher Beliebtheit. Doch wie werden die Tiere eigentlich hierzulande gehalten?

Die Dimensionen der Tierhaltung

Ein Blick auf den Fipronil-Skandal im Jahr 2017 kann helfen, um die Dimensionen des Lebensmittelkonsums zu verdeutlichen: Alleine in Niedersachsen wurde von 35,3 Millionen Eiern, die mit dem Insektengift belasteten waren, ausgegangen. Produziert und versendet innerhalb weniger Wochen. Hinter solchen Zahlen verbirgt sich eine hochgradig spezialisierte Produktionskette. Die Strukturen in Belgien, den Niederlanden, aber auch in Deutschland bestehen aus Betrieben bei denen 200.000 bis 300.000 Legehennen die Regel sind. Dem Betriebsleiter steht ein am Umsatz beteiligter Berater zur Seite. Zwei- bis dreimal pro Woche werden die produzierten Eier per LKW abgeholt und zu einer Großpackstelle gefahren. Hier werden rund eine Million Eier pro Tag gewogen, gestempelt und verpackt. Große Abnehmer sind die Discounter. Am Ende der Legeperiode wird Ausstallung und Desinfektion von externen Anbietern übernommen.

Legehennen und Geflügel

Bei den Legehennen dominiert inzwischen die Bodenhaltung (63 Prozent). Die Tiere leben zumeist zu Zehntausenden in Volierensystemen mit mehreren Etagen. In einer Einstreu aus Stroh oder Hobelspänen können sie scharren, picken und staubbaden. In der Freilandhaltung haben die Hennen zusätzlich Auslauf ins Freie. Knapp 16 Prozent der Legehennen werden so gehalten. Bei weiteren elf Prozent der Legehennen kommen die sogenannte Kleingruppenhaltung oder andere Formen ausgestalteter Käfige zum Einsatz. Heute werden fast ausschließlich auf hohe Legeleistung spezialisierte Legehennen gehalten. Diese können über 300 Eier pro Jahr legen, bereits nach einem Jahr lässt die Leistung jedoch nach. Nach rund eineinhalb Jahren werden die Tiere geschlachtet und durch junge Hennen ersetzt.


Geflügel in Deutschland - die Rahmendaten
(Quelle)

  • Bestand: ca. 177 Millionen Betriebe mit Geflügelhaltung (ca. 56.600 mit Hühnerhaltung und 9.000 mit anderem Geflügel wie Puten, Enten und Gänsen)
  • Jährlich geschlachtete Tiere: 701 Millionen
  • Jährliche Produktion: ca. 1,5 Millionen Tonnen Fleisch und ca. 13,7 Milliarden Eier
  • davon aus ökologischer Erzeugung: Fleisch: 1 Prozent Eier: 7 Prozent, bei Selbstversorgung von 70 Prozent

 

Im Geflügelbereich mit seinen extrem rationalisierten Strukturen hat vor knapp zehn Jahren mit dem Verbot der Käfighaltung schon einmal ein „Umbau der Tierhaltung“ stattgefunden, allerdings ohne grundlegende strukturelle und Tierschutzfragen zu lösen. So werden auch weiterhin die männlichen Küken von Legerassen direkt nach dem Schlupf getötet. Werden die Tiere in der Regel in geschlossenen Ställen ohne Auslauf gehalten. Müssen hohe Mengen an Arzneimitteln prophylaktisch gegeben werden, um die Gesundheit der mehrere tausend Tiere umfassenden Bestände sicher zu stellen.

Schweinehaltung

Ganz anders war die Entwicklung in der Schweinehaltung. Hier ist die Spezialisierung in den vergangenen 25 Jahren kontinuierlich immer weiter fortgeschritten. In aller Regel werden die Muttersauen und die Ferkelerzeugung in darauf spezialisierten Betrieben gehalten. Die tragenden Sauen bringen ihre Ferkel im sogenannten Kastenstand, einem Käfig, nur wenig größer als das Tier, zur Welt. Durch den Kastenstand wird verhindert, dass die Muttersau ihre eigenen Ferkel in der kleinen Abferkelbucht, ohne Stroh nur mit Gitterboden aus Plastik, beim Ablegen erdrückt. Die Ferkel können sich in der Abferkelbucht frei bewegen. Wenige Tage nach der Geburt werden die männlichen Tiere kastriert, um in der Mast bei erreichen der Geschlechtsreife den eventuell auftretenden Ebergeruch im Fleisch zu verhindern. Ein Mastschwein lebt ca. 6-7 Monate, bevor es geschlachtet wird. Damit die geschlachteten Schweine möglichst homogen sind und den Anforderungen der Schlachtkonzerne entsprechen, kommen vor allem Hybridlinien zum Einsatz.

Ein großer Kostenfaktor innerhalb der Schweinehaltung und Schweinemast sind die Baukosten. Aus diesem Grund gingen die Bestrebungen in der Vergangenheit immer dahin möglichst viele Tiere auf möglichst wenig Fläche zu halten. Schweine unterscheiden, wenn sie die Möglichkeit haben, unterschiedliche Bereiche. So gibt es neben Fressen und Liegen auch einen Bereich zum Koten. Voraussetzung hierfür ist ausreichend Platz, möglichst mit Zugang in Freie. Die Rationalisierung hat dazu geführt, die Schweine in in Buchten ohne Auslauf ins Freie auf Spaltenboden zu halten. Der Kot wird von den Tieren durch die Schlitze in die darunter liegende Grube getreten. Die räumliche nähe von Güllelager und Aufenthaltsraum der Schwein führt zu Belastungen der Atemwege durch den permanenten austretenden Amoniak. Auch aus diesem Grund sind Schweinställe zwangsbelüftet. Die Lüftung garantiert auch, dass die Temperaturen im Stallinneren aufgrund der vielen hundert Tiere nicht zu deren Hitzetod führen. Besonders dramatisch kann dies werden wenn die Technik ausfällt.

Die engen Haltungsbedingungen, Wärme, Geräusche und Geruch führen zu Stress. Die Enge macht es den Tieren unmöglich, bei Aggressionen untereinander auszuweichen. Um Verletzungen zu vermeiden, werden den Schweinen deshalb im Ferkelalter die Schwänze abgeschnitten und die Zähne abgeschliffen. Im Jahr 2017 wurden mehr als 95 Prozent der in Deutschland geschlachteten 58 Millionen Schweine auf diese Weise gehalten.

Gesellschaft will Umbau der Tierhaltung

Inzwischen lehnt ein breiter Teil der Bevölkerung diese industrialisierte, das Leid der Tiere in Kauf nehmende Form der Tierhaltung ab. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (WBA) in seinem Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“. Der Beirat stellt fest, dass eine große Diskrepanz zwischen der gesellschaftlich gewünschten Form der Nutztierhaltung und der praktischen Realität auf vielen Betrieben besteht. Um diese im Sinne der Verbraucher zu schließen, formuliert der WBA Leitlinien für die Entwicklung einer zukunftsfähigen, in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierten Tierhaltung:

  1. Zugang aller Nutztiere zu verschiedenen Klimazonen, vorzugsweise Außenklima,
  2. Angebot unterschiedlicher Funktionsbereiche mit verschiedenen Bodenbelägen,
  3. Angebot von Einrichtungen, Stoffen und Reizen zur artgemäßen Beschäftigung, Nahrungs- aufnahme und Körperpflege,
  4. Angebot von ausreichend Platz,
  5. Verzicht auf Amputationen,
  6. routinemäßige betriebliche Eigenkontrollen anhand tierbezogener Tierwohlindikatoren,
  7. deutlich reduzierter Arzneimitteleinsatz,
  8. verbesserter Bildungs-, Kenntnis- und Motivationsstand der im Tierbereich arbeitenden Personen und
  9. eine stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale in der Zucht.

 

Das Gutachten war ein Donnerschlag für die Vertreter des Bauernverbands, die von sich stets behaupten, sie wüssten wie es richtig geht. Der Wissenschaftliche Beirat mit seinem Vorsitzenden Prof. Dr. Harald Grethe beschreibt die Notwendigkeit eines grundlegenden Umbaus. Gefordert sind nicht allein die Bauern, sondern auch die Hersteller müssten neue System entwickeln, die den veränderten Anforderungen gerecht werden. Mitgetragen werden, so der WBA, müsse der Umbau aber auch von der Politik und der Gesellschaft.

Deutlich wird in dem Gutachten, dass die Kosten für einen Umbau bei der bisherigen Preisgestaltung nicht von den Erzeugern getragen werden können. Die durch die Umsetzung der im Gutachten beschriebenen Leitlinien führen nach Einschätzung des WBA zu Mehrkosten in Höhe von 13 bis 23 %. Jährlich wären dies 3 bis 5 Milliarden Euro. Die Möglichkeit diese Mehrkosten allein durch einen Preisaufschlag zu erzielen – der WBA rechnet mit einer Erhöhung der Verbraucherpreise um 3 bis 6 % – wird kritisch gesehen. Obwohl Umfragen ergeben haben, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung bereit wäre, diese Mehrkosten zu bezahlen, würden die Kostensteigerungen nach Einschätzung des WBA zu einem Abwandern der Produktionsbetriebe in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen. Notwendig seien aus diesem Grund politische Begleitmaßnahmen. Vorgeschlagen wird eine Strategie die staatliche, privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Steuerungsmöglichkeiten (Governance) einschließt. „Diese Steuerungsmöglichkeiten umfassen staatliche Politikmaßnahmen wie eindeutigere und zusätzliche gesetzliche Mindeststandards, ein mehrstufiges staatliches Tierschutzlabel, Prämien und Kompensationszahlungen im Rahmen der 2. oder auch der 1. Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sowie privatwirtschaftliche Maßnahmen, wie die Brancheninitiative Tierwohl und Selbstbeschränkungsabkommen.“

Kompetenzkreis Tierschutz

Parallel zum Wissenschaftlichen Beirat beschäftigte sich seit Oktober 2014 auch der vom Bundeslandwirtschaftsministerium einberufenen Kompetenzkreis Tierschutz mit der Aufgabe „die Umsetzung der Tierwohloffensive strukturell und dialogisch zu begleiten“. In seinem Abschlussbericht1 unterscheidet er sich nur wenig von den Einschätzungen des WBA. Der Kompetenzkreis Tierschutz empfiehlt zur Umsetzungen eine freiwillige Verbindlichkeit der Marktbeteiligten. Nur wenn es Sanktionsmöglichkeiten gäbe, hätten freiwillige Absprachen auch eine nachhaltigen Bestand. Sehr deutlich ist die Aussage zu „Kurativen Eingriffen“. Das Kupieren der Schwänze bei Schweinen müsse enden. Offen bleibt der zeitliche Rahmen. In ersten Schritten soll auf Referenzbetrieben Management und Equipment erforscht werden. Auch sollen auf jedem Betrieb fünf Prozent der Tiere die Schwänze behalten damit Erfahrungen gesammelt werden können.

Etwas provokativer und direkter formulierte Professor Grethe vom WBA die Notwendigkeit der intakten Ringelschwänze: "Es geht uns nicht ums Schwänzekupieren, sondern um einen Indikator für den Zustand des Tieres und ob es ihm gut gegangen ist während der Mast. Tiere mit gesundem Schwanz bedeuten gute Haltung und viel Tierwohl." Was bei beiden fehlt ist der Rückgriff auf über 20 Jahre Erfahrung in Neuland und Biobetrieben. Haltung auf Stroh und intakte Ringelschwänze sind hier vorgeschrieben. Dass dieses Wissen nicht genutzt wird, ist sehr bedauerlich.

Lange Übergangszeit

Sowohl der Kompetenzkreis als auch der Gutachten des wissenschaftlichen Beirats gehen von langen Übergangszeiten aus. Damit diese aber nicht ins unendliche reichen bedürfe es jetzt klarer Vorgaben der Rahmenbedingungen. Diese müssten eigentlich von der Politik und damit vom Bundeslandwirtschaftsminister vorgegeben werden. Doch bisher hat Bundesminister Schmidt wenig konkretes vorzuweisen. Er hat viele Runde Tische und Möglichkeiten zum Austausch der Beteiligten und Betroffenen geschaffen. Hat wissenschaftliche Gutachten vorliegen und die Ergebnisse eigener Kompetenzkreise. Er nimmt die Stimmen der Bevölkerung wahr, die jedes Jahr an seinem Dienstsitz vorbeiziehen und eine artgerechte Tierhaltung in bäuerlichen Strukturen fordern. Für die Betriebe, die jetzt vor der Entscheidung stehen, wie sie ihren Betrieb weiterentwickeln sollen, sind klare, verbindliche Vorgaben eine Grundvoraussetzung. Hierzu gehören neben einem klaren politischen Bekenntnis, die finanzielle Unterstützung sowie der von Handel und Politik gemeinsam vorangetriebene Aufbau alternativer höherpreisiger Vermarktungsstrukturen, die es dem Verbraucher ermöglichen, den Mehrwert der Produkte durch deren Kennzeichnung zu erkennen und zu honorieren.

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