Regulierungen schaffen, damit auch Bauern profitieren

Der alternative Nobelpreisträger Pat Mooney zu Digitalisierung und Konzernmacht

Unabhängige Bauernstimme: Smart Farming, Landmaschinen, die alle möglichen Daten sammeln und verbinden, sind für viele – Politiker, Berater, Interessensvertreter – das entscheidende Zukunftswerkzeug bei der Bekämpfung des Welthungers wie auch für die Entwicklung umweltfreundlicher Bewirtschaftungsmethoden. Was sagen Sie?

Pat Mooney: Ich kann mir sehr leicht zahlreiche Beispiele ausdenken, bei denen die Digitalisierung in der Landwirtschaft eine positive Wirkung entfalten kann: Reduzierung von Düngung, Pestiziden, weniger Lebensmittelverschwendung, Zugang zu Märkten von Bauern und so weiter. Ich sehe, wie Bauern ihre Handys nutzen, um Kollegen Pflanzenkrankheiten zu zeigen und gemeinsam zu überlegen, was zu tun ist. Oder sie checken Marktbewegungen aus, all sowas. Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Technologie benutzt werden kann, um den Menschen und unserer Umwelt nützlich zu sein. Aber es ist wichtig zu wissen, dass der wahre Kontext, für den die Technologie gemacht und in dem sie genutzt wird, ein anderer ist.


Nämlich welcher?

Große Unternehmen benutzen die Technologie, um ihre Umsätze in die Höhe zu treiben. Warum engagiert sich Google bei einem Züchtungsprogramm für Schweine in China, welches darauf abzielt, die Anzahl der aufgezogenen Ferkel zu erhöhen? PGi, eine weltweit operierende Telekommunikationsfirma, kooperiert mit einer chinesischen Genbank. Sie bitten Bauern, ihnen Proben der von ihnen traditionell genutzten Pflanzen zu schicken, und bieten ihnen an, die Genetik zu analysieren. Der Deal ist, dass das Unternehmen die Informationen behalten darf, für ihre Zwecke, die da wären? Warum gibt es eine Verbindung von Microsoft zur Brauereiwirtschaft in Dänemark, welche an Pflanzenzüchtung beteiligt ist, um die Hefegehalte in Gerste zu verbessern? Und Amazon? Übernimmt Wholefoods, den größten Händler für Bioprodukte in den USA, und kooperiert mit Carrefour, Frankreichs zweitgrößter Supermarktkette. Ich frage nur, wo das alles endet. Wer wird die Big Data Clouds kontrollieren, die die Unternehmen kreieren?

Wer wird die Big Data Clouds kontrollieren, die die Unternehmen kreieren?

Eine führende Rolle beim Sammeln von Daten im landwirtschaftlichen Bereich spielen die Landtechnikkonzerne, richtig?

John Deere sammelt Daten seit Anfang des Jahrtausends, Agco, zu dem Massey Ferguson und Fendt gehören, sogar seit den 1980er Jahren. Sie sind in der Lage, die Daten mit allen möglichen Informationen zu verbinden: Wetterdaten, Feldinformationen, Bodenbedingungen. Sie verfügen über viel mehr Informationen als Bayer oder BASF oder Yara und sie gehen schließlich zurück zu den Bauern und erzählen ihnen: „Wir haben hier genau die Produkte für eure Bedürfnisse und wenn ihr dieses und jenes Saatgut verwendet und dieses und jenes Düngemittel und Pestizid, dann verkaufen wir euch eine Versicherung, die euch eine Ernte in der Höhe absichert.“
 

Aus den USA gibt es Berichte vom Widerstand der Bauern und Bäuerinnen gegenüber der Praxis von John Deere, keine nicht autorisierten Mechaniker oder Bauern selbst ihre Maschinen reparieren zu lassen. Die „Right to repair“-Bewegung möchte die Gesetzgebung ändern. Wie ist die Perspektive?

In diesen Fällen geht es um Lizenzauseinandersetzungen, und so, wie ich das mitbekommen habe, haben die Gerichte eine Art Moratorium verhängt, in dem John Deere niemanden strafrechtlich verfolgen darf, der gegen die Lizenzvereinbarung verstößt und selbst repariert. Das heißt nun, dass der Gesetzgeber gefordert ist, einen rechtlichen Rahmen zu entwickeln, der die Frage beantwortet, welche Arten von Lizenzvereinbarungen von Unternehmen erlaubterweise aufgesetzt werden dürfen.

In Deutschland wird die Frage debattiert, wie die Bauern und Bäuerinnen die Hoheit über ihre Daten behalten können. Ist das auch woanders ein Thema und gibt es politische Möglichkeiten, den Datenbesitz auf den Höfen zu sichern?

Es gibt die Idee, alle Daten bei Behörden zu sichern und den Bauern und Bäuerinnen die Hoheit einzuräumen, zu bestimmen, wer darauf zugreifen darf. Aber dann ist die Frage, wie vertrauensvoll gehen staatliche Stellen damit um? Und es bleibt die Problematik, dass Unternehmen Druck auf die Bauern und Bäuerinnen ausüben, um Informationen zu bekommen. Das ist vergleichbar mit der Krankenversicherung: Dort muss ich auch bestimmte Gesundheitsinformationen von mir offenbaren, um bestimmte Leistungen zu erhalten. So ist es auch in der Landwirtschaft: Du bekommst bestimmte Leistungen oder Versicherungen nur, wenn du Informationen freigibst.
 

Also wie könnte dann die Position der Bauern und Bäuerinnen gestärkt werden?

Erstmal brauchen wir einen öffentlichen Diskurs darüber, was gerade geschieht. Mehr Transparenz, wie die Unternehmen vorgehen, um in den Besitz von zum Teil jahrhundertealtem bäuerlichem Wissen um landwirtschaftliche Zusammenhänge zu kommen. Dann müssen wir Wege und Regulierungsmöglichkeiten finden, um den Druck der Unternehmen auf die Bauern und Bäuerinnen zu reduzieren. Übrigens bin ich sicher, dass in zwei bis fünf Jahren technologische Probleme auftreten werden. Die Technologie ist nicht so perfekt, wie die Unternehmen uns glauben machen wollen.

Wir müssen Wege und Regulierungsmöglichkeiten finden, um den Druck der Unternehmen auf die Bauern und Bäuerinnen zu reduzieren.

Aber wie können die großen Konzerne eingehegt werden, zumindest in Teilen? Was für ein politischer Rahmen ist nötig?

Das Gute ist ja, dass es durch die zahlreichen Fusionen nur noch wenige Unternehmen sind, über die man sich Gedanken machen muss. Die bäuerlichen Interessensvertretungen müssen ein Bewusstsein auch für die Schwierigkeiten schaffen und nicht nur die technischen Möglichkeiten preisen. Es sollte einen UN-Vertrag zu Wettbewerbsrechten geben. Politisch müssen Konzentrationsprozesse begrenzt werden und Rechte implementiert werden, die die Bauern und Bäuerinnen davor schützen, dass ihr über Generationen erworbenes Wissen gestohlen wird. Von der Technologie müssen auch Kleinstbetriebe profitieren.
 

Wo können auch Kleinbauer in aller Welt profitieren?

Das Gute ist, dass Größe eigentlich keine Rolle mehr zu spielen braucht. Transaktionskosten lassen sich mit Hilfe der Digitalisierung gleich gestalten, egal ob für einen Bauern auf 1.000 Hektar oder 100 Bauern auf 10 Hektar. Kleinbauern in isolierten räumlichen Positionen könnten besser integriert werden, in Wertschöpfungsketten wie auch in die Gesellschaft.
 

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieser Artikel von Claudia Schievelbein erschien in der Unabhängigen Bauernstimme von November 2018.