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Von Brasilien lernen

Bericht und Gedanken von der 5. CONSEA-Konferenz in Brasilia

 

von Stig Tanzmann

 

Die Frage, wie zukünftig die Ernährung der Städte gewährleistet werden soll, wirft viele Folgefragen und Befürchtungen auf. Die Sorge besteht, dass zukünftig eine noch größere und mit Konflikten belastete Kluft zwischen Stadt und Land entsteht. Befürchtet wird auch eine Entvölkerung des ländlichen Raumes und verstärkte Landvertreibung durch eine verstärkte Industrialisierung der Landwirtschaft. Nicht abwegig ist außerdem, dass es zu einer Ernährungsklassengesellschaft kommen könnte. Mittel- und Oberschicht könnten ihre Ernährungswünsche in Richtung Land kommunizieren und bezahlen, die städtische Unterschicht müsste aber essen, was die Konzerne anbieten oder was übrig bliebe. Zum Teil bestehen solche Szenarien schon. Es gibt aber auch konkrete Gegenentwürfe.

 

Interessant ist der Blick nach Brasilien. Dort wurde nach dem Wahlsieg der Arbeiterpartei PT 2003 sehr genau überlegt, wie der Hunger, der massiv auch in den Städten grassiert, besiegt werden kann. Schnell wurde deutlich, dass es weiterhin die in Europa kaum bekannten, kleinbäuerlichen Betriebe sind, die Brasilien und seine Metropolen ernähren. In Brasilien stammen 70 % der konsumierten Lebensmittel von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Es zeichnete sich außerdem ab, dass die am direktesten von den Ernährungsfragen auf dem Land und in den Städten Berührten, die Hungernden, am wenigsten Einfluss auf die Gestaltung der Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik hatten.

 

Mit Ernährungsräten gegen den Hunger und die soziale Ausgrenzung kämpfen

Um dieses Problem anzugehen und den Hunger zusammen mit den Betroffenen und ProduzentInnen zu bekämpfen, wurde der CONSEA (Conselho Nacional de Seguranca Allmentar e Nutricional) 2003 wieder ins Leben gerufen. Er ist ein nationaler Rat zu Ernährungsfragen der erstmals 1993 gegründet wurde. Der CONSEA setzt sich zu zwei Dritteln aus Zivilgesellschaft und zu einem Drittel aus RegierungsvertreterInnen zusammen. Um die herausragende Diversität der brasilianischen Gesellschaft wiederzugeben und insbesondere den benachteiligten Minderheiten oder Mehrheiten Schwarze im Land Gehör zu verschaffen, gibt es für die an den Konferenzen teilnehmenden Delegierten ein komplexes Quotensystem. So wird sichergestellt, dass Quilombolas [1], Indigene, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma, obdachlose ArbeiterInnen, Schwarze usw. ausreichend vertreten sind. Für Frauen gibt es keine Quote mehr, da sie die überwiegende Mehrheit der TeilnehmerInnen der Konferenzen stellen.

 

Die stille Demokratisierung des Ernährungssystems

Seit 2003 finden alle vier Jahre vom Staat finanzierte CONSEA-Konferenzen statt, um die Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik zu überprüfen und zu kontrollieren. Die letzte Konferenz fand vom 2. bis 6. November 2015 mit 2000 Delegierten aus ganz Brasilien in Brasilia statt. Diese wurden durch Vorkonferenzen auf Ebene der 27 Bundesstaaten legitimiert, auf denen auch die knapp 400 Politikveränderungsvorschläge erarbeitet wurden, die in Brasilia diskutiert, überarbeitet, ergänzt und im Plenum verabschiedet wurden. Im Anschluss wurde aus den erarbeiteten Beschlüssen ein Dokument erstellt, das dann der brasilianischen Regierung übergeben wird und dieser zur Orientierung dient, wie sie ihre Politik in Zukunft verbessern kann. Das Dokument ist nicht bindend, hat aber sehr hohe Relevanz für die Regierung. Über die stille Demokratisierung des brasilianischen Ernährungssystems, die in Europa fast nicht wahrgenommen wurde, ist es zum einen gelungen, die progressiven Verteilungs- und Beschaffungsmodelle des Staates zu verfestigen und schärfen. So muss 30 % des Schulessens für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen aus der Region ausgeschrieben werden, um nur eines der vielen Programme zu nennen. Zum anderen kann mit dem Prozess auch der Hunger besiegen werden. Die fünfte CONSEA-Konferenz war die erste, bei der Brasilien nicht auf der Hungerkarte der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) erschien.

Auch der globale Norden ist gefragt. Brasilien hat eindrücklich gezeigt, wie man mit einer Demokratisierung des Ernährungssystems enorme Erfolge bei der Bekämpfung des Hungers erzielen und gleichzeitig die Interessen der Ärmsten in den Städten und auf dem Land miteinander in Einklang bringen kann. Im Gegensatz dazu ist die Debatte in Europa und den USA um eine Demokratisierung der Ernährungssysteme sehr schwach ausgeprägt. Folgerichtig profitieren dort hauptsächlich die Konzerne von den üppigen Agrarsubventionsbudgets und ein Dualismus zwischen Stadt und Land tritt verstärkt auf. Noch dramatischer ist, dass die Entwicklungszusammenarbeit und die Hungerbekämpfung, wie beispielhaft die G8 Neue Allianz zeigt, an den Interessen der Konzerne und nicht der Betroffenen und ProduzentInnen ausgerichtet ist. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit den brasilianischen Erfahrungen kann nur empfohlen werden, um aus den dortigen positiven und negativen Erfahrungen zu lernen.

 

[1] Quilombolas sind BewohnerInnen bzw. deren Nachkommen eines Quilombos (Bezeichnung einer Niederlassung geflohener Sklaven zur Zeit der portugiesischen Herrschaft).

Der Autor Stig Tanzmann ist Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt.

Der Artikel erschien im Rundbrief "Gute Stadt - Böse Stadt. Landromantik vs. Stadt für alle" des Forum Umwelt & Entwicklung, 4 /2015, S. 15.

Mehr Informationen zu Ernährungsräten in Deutschland finden Sie hier.

Momentan werden Ernährungsräte in Köln und Berlin aufgebaut.