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Landgrabbing

Der Begriff "Landgrabbing", im deutschen auch "Landraub" oder "Landnahme" genannt, steht für die massenhafte Landübernahme von mächtigen Konzernen, Staaten oder Investoren. Im Globalen Süden ist ein Großteil dieser Übernahmen illegal oder gegen den Willen der lokalen Bevölkerung. Landgrabbing beschäftigt kritische Nichtregierungsorganisationen seit vielen Jahren, wird jedoch in der letzten Zeit mit seinen Konsequenzen auch der breiteren Öffentlichkeit als problematisch bewusst. Der Oxfam-Studie "Land and Power" zufolge wechselten von 2001 bis 2010 rund 230 Millionen Hektar Ackerland in Ländern des Globalen Südens den Besitzer - das entspricht der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Europa. Stark betroffen sind die Kontinente Afrika, Asien und Südamerika aber immer stärker auch Osteuropa. Auch in manchen Regionen Deutschlands wird von Landgrabbing gesprochen.

Zur Karte: "Die Globalen Landdeals"

Was sind die Ursachen von Landraub?

Der Boom des Agrarhandels. Urheber: Heinrich-Böll-Stiftung u.a., Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Eine Ursache ist der Boom der Biokraftstoffe: Bisher genutzte Anbauflächen sind nicht groß genug für den Anbau von Lebensmitteln und Biokraftstoffen gemeinsam. Potentielles großflächiges Ackerland für Biokraftstoffe steigt an Wert, was neue Interessenten wie große Unternehmen und Investoren auf den Plan ruft.

Eine zweite Ursache ist die aus der Finanzkreise resultierenden Suche vieler Spekulanten nach einer neuen, abgekoppelten Investitionsmöglichkeit - diese nun mit Ackerland ein lohnendes Rohstoffinvestment gefunden.

Die Lebensmittelkrise 2007-2008 mit katastrophale Missernten und dadurch stark steigenden Lebensmittelpreisen ließ einige Exportländer ihre Agrarprodukte zur Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung zurückhalten. Dies führt zur dritten Ursache: Importländer wie China, Südkorea oder Saudi-Arabien versuchen seitdem durch den Ankauf von Land im großen Stil die Versorgungssicherheit ihrer Länder für die Zukunft zu sichern.

Landgrabbing im Globalen Süden

Wer kauft wo? Urheber: Heinrich-Böll-Stiftung u.a., Lizenz: CC-BY-NC 3.0

Landgrabbing im Globalen Süden geht meist einher mit Vertreibung der lokalen Bevölkerung vor Ort - ihr wird das Land zum Lebensmittelanbau, zum Teil auch die Behausung und somit die gänzliche Lebensgrundlage entzogen.

Der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO zufolge deckt die arme Landbevölkerung in Hungerzeiten ihren Nahrungsmittelbedarf zu 80 Prozent durch das Sammeln von Wildpflanzen, ohne dazu ein formelles Recht zu besitzen. Wird das Land verkauft und für andere Zwecke bewirtschaftet, fehlt der Bevölkerung die Nahrungsgrundlage.

Oft ist Landgrabbing auch verknüpft mit der Produktion von Gütern für den Globalen Norden (Soja, Kaffee- und Kakaobohnen, Tee, etc). So wurde in Südamerika die Soja-Produktion auf eine Fläche von über 50 000 000 Hektar ausgeweitet, um die Nachfrage nach Futtermitteln für die Fleischproduktion im Globalen Norden zu bedienen. Die von der lokalen Bevölkerung zuvor auf dem Gebiet angebauten Produkte fallen nun weg, was Hunger und Mangelernährung zur Folge haben kann.

Während das Land genommen und die Arbeitsgrundlage vieler Menschen zerstört wird, werden nur vergleichsweise wenig neue Arbeitsplätze geschaffen - in Äthiopien wurden durch kommerzielle Großinvestitionen in Land bislang im Durchschnitt 0,005. Arbeitsplätze pro Hektar geschaffen, in Madagaskar waren es 0,006 Arbeitsplätze pro Hektar.

Landgrabbing in Europa

Im Globalen Norden zeigt sich Landgrabbing in anderen Formen. Hier geschieht der Ankauf von Land in der Regel legal, jedoch treibt er durch die immense Gesamtgröße der betroffenen Fläche die Pacht- und Kaufpreise drastisch in die Höhe. Viele Bäuerinnen und Bauern können sich so die Pacht von Land zur Bewirtschaftung nicht mehr leisten und werden zur Aufgabe gezwungen. Auch Jungbäuerinnen und Jungbauern ist ein Einstieg in die Landwirtschaft und das Gründen eines eigenen Hofes aufgrund der hohen Landpreise oft unmöglich. In Europa betrifft das besonders den Osten, also Ländern wie Rumänien, Ungarn, Polen, Ukraine. Hier bestehen nach wie vor größere Anbaustrukturen, die in den Ostblockstaaten durch die Planwirtschaft zu Zeiten der Sowjetunion geschaffen wurden.

Nach der Wirtschaftskrise entdeckten viele Investoren Ackerland als eine lukrative und relativ sichere Anlagemöglichkeit für ihr Geld. Für Investoren und Investorinnen sind diese großen zusammenhängenden Flächen interessanter als die kleinteiligeren Strukturen im Westen Europas, da diese die Verwaltung des Landes vereinfachen und mit großen Strukturen billiger produziert werden kann. Qualitätskriterien für die Vergabe von Land, die eine bauernfreundlichere Vergabe erwirken könnten fehlen. Wie der Bodenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt, stieg in Rumänien der Wert von Grund und Boden in den vergangenen Jahren um jährlich 40 Prozent – also um 1817 Prozent in nur einem Jahrzehnt.

Landgrabbing in Deutschland

Feld in Ostvorpommern: Getreide, so weit das Auge reicht. Urheber: thonk25/flickr Lizenz: CC-BY-NC

In Deutschland tritt Landgrabbing vor allem in den Neuen Bundesländern auf, da hier auch noch vermehrt die oben beschriebenen großteiligeren Strukturen vorhanden sind. 15.000 – 22.000 Euro kostet ein Hektar Land inzwischen real in Ostdeutschland, vor 10 Jahren waren es noch bei 2000 bis 3600 Euro. Eine weitere Problematik sind die Anleger die hinter dem Kauf stehen. Laut Misereor kommen doppelt so viele Investoren aus dem Finanzsektor wie aus dem Agribusiness. Dies hat Auswirkungen auf die Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft, die sich mehr und mehr an Profitinteressen orientiert. Nachhaltigkeits- und Umweltaspekte geraten dabei in den Hintergrund. So werden z.B. Energiepflanzen für Biokraftstoff oder für Biogasanlagen auf Flächen angebaut, die früher für den Nahrungsmittelanbau genutzt wurden und treten damit in direkte Konkurrenz zu diesen. Der Anbau von Biokraftstoffen für Biogasanlagen ist in Deutschland zum Teil lukrativer als Nahrungsmittelanbau, da Biogasanlagen vom Staat stärker subventioniert werden.

Konkret steht auch die Bodenverwertungs und -verwaltungs GmbH (BVVG) in der Kritik, die die staatlichen Flächen der neuen Bundesländer im Auftrag der Bundesregierung verwaltet und versteigert. Das zu verwaltende Land, das einen Großteil des Landes in den neuen Bundesländern ausmacht, ist nur zu 2% an bäuerliche Betriebe (mit einer Größe bis zu 100 ha) vergeben, während der Rest an Großbetriebe und Investoren verpachtet und verkauft wurde. Im Juli 2015 kündigte Agrarminister Christian Schmidt neue Grundsätze für die Privatisierung von Ackerflächen der BVVG an, nach denen Landflächen nun nur noch in Größen von 15 statt 25 Hektar ausgeschrieben werden dürfen und heimische Landwirte bei der Vergabe bevorzugt behandelt werden sollten. Ein Schritt in die richtige Richtung. Doch selbst der Bauernbund erklärt, dass diese Neuregelung zu spät komme, da die meisten Flächen schon vor Jahren privatisiert wurden.

 

Stand: Januar 2016

Weiterführende Informationen zum Thema 

Landgrabbing weltweit:

Landgrabbing im Globalen Süden

Landraub in Europa und Deutschland