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Kubanischer Kleinbauer; Foto: Theodor Hensolt (CC BY 2.0)

Agrarökologie raus aus der Nische

Was können wir vom Globalen Süden lernen und wie können wir es umsetzen?

 

von Harry Hoffmann

 

Das Konzept der Agrarökologie ist komplex und wird kontrovers diskutiert. VertreterInnen der Zivilgesellschaft sprachen hierzu im September diesen Jahres mit Professor Miguel Altieri von der Berkeley University in Kalifornien über die Möglichkeit, südamerikanische Ansätze in Europa zu implementieren. Entsprechende Projekte sind im Aufbau, aber die allgemeine Debatte auch in der Zivilgesellschaft befindet sich erst am Anfang.

 

Am 17. September 2015 trafen sich WissenschaftlerInnen mit zahlreichen VertreterInnen von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen zu einem Fachgespräch zum Themenkomplex Agrarökologie – einer vor allem in Lateinamerika bereits existierenden spezifischen Anbauform von Nahrungsmitteln, welche strikte ökologische mit sozialen Merkmalen verknüpft. Diese Veranstaltung, welche von zivilgesellschaftlicher Seite vom INKOTA-netzwerk, Misereor, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Jungen AbL, dem Forum Umwelt und Entwicklung sowie der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ und von wissenschaftlicher Seite vom Leibniz Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) organisiert wurde, begann mit einem längeren Input von Miguel Altieri, Professor für Agrarökologie an der University of California, Berkeley, und Fellow am Institut für Landnutzungssysteme des ZALF. Prof. Altieri, der mit zwei Ehrendoktorwürden als Koryphäe der Agrarökologie gilt, stellte hierbei Ideen unter anderem aus Kuba vor und erläuterte, wie traditionelle Anbauformen, die teilweise noch auf Konzepte der Inkas zurückgehen, seines Erachtens die einzige Möglichkeit bieten, die Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren. Prof. Altieris grundsätzliche Definition von Agrarökologie beinhaltet hierbei auf der einen Seite verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen, wie z.B. Ökologie, Soziologie, Agrarwissenschaften, Anthropologie und ökologische Ökonomie, verbindet diese aber mit traditionellem Wissen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu fixen Prinzipien der Anbaupraxis. 

 

Substantielle Kritik an der Agrarindustrie

Starke Kritik übte er in diesem Rahmen vor allem an den Praktiken der großen internationalen Agrarkonzerne und an großen nationalen und internationalen sowie öffentlichen und privaten Gebern, deren Konzepte, laut Prof. Altieri, gerade klar ihre Grenzen erreichen. So hob er zum Beispiel hervor, dass der agrarindustrielle Sektor gerade einmal genug produziert, um 30 % der Weltbevölkerung zu ernähren – hierfür aber 70–80 % der weltweit genutzten Agrarfläche sowie 70 % des entsprechenden Wasserverbrauchs auf sich vereint. Diesem agro-industriellen Komplex stellte Altieri die 1,5 Milliarden Kleinbäuerinnen und bauern gegenüber: Diese produzieren 50–75 % der global konsumierten Nahrung auf nur 25-30 % der Agrarfläche, wobei sie nur 30 % des in der Landwirtschaft genutzten Wassers verbrauchen und zudem nicht nur mit den 7000 Varietäten der Grünen Revolution arbeiten, sondern 1,9 Millionen Varietäten von Nahrungspflanzen anbauen (die 270fache Anzahl).

Der Begriff der Grünen Revolution bezieht sich auf ein seit den 1960ern realisiertes Muster von Agrarproduktion, welches Mangelernährung und Hunger primär als technisches Problem versteht, dass mit der Einführung und Weiterentwicklung von Hochertragssorten einerseits als auch mit technischen Weiterentwicklungen andererseits zu bekämpfen ist. Die Ansätze der Grünen Revolution leisten somit agrarindustriellen Praktiken Vorschub, was vor allem konventionelle, Monokultur-orientierte und Hochintensivlandwirtschaft einschließt.Dieser Ansatz wird zunehmend kontrovers diskutiert, so kommt z.B. die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) zu dem Ergebnis, dass die Welt einen Paradigmenwechsel von der Grünen Revolution hin zu einer ökologischen Intensivierung in der Landwirtschaft benötigt, was Agrarökologie durchaus einschließt.

Als zentral für die von ihm als nachhaltig charakterisierte kleinbäuerliche Produktion sieht Prof. Altieri demgegenüber das besonders Wissen um natürliche Prozesse und die hierdurch zu erreichende Ertragsoptimierung an. In diesem Rahmen hob Prof. Altieri nicht nur die steigenden Erträge hervor, sondern auch die weitaus größere Stressresistenz der agrarökologischen Systeme auf den Klimawandel. Mit diesem Prozess hat die Agroindustrie in den USA bereits heute substantielle Probleme, da die Hochertragssorten, welche im mittleren Westen in Monokulturen angebaut werden, dem Trockenstress keinesfalls gewachsen sind.

 

Vernetzung von ProduzentInnen und KonsumentInnen durch Umgehung von „Food empires“ 

Beispielhaft hierfür sind die latein-amerikanischen Landlosenbewegungen, die auf „autonomen Territorien“, also Gebieten die sie durch Besetzungen dem agrarindustriellen Produktionskreislauf entzogen haben, Nahrung produzieren – allerdings erfüllen auch gekoppelte Agrarsysteme in Asien (z.B. Fisch- und Entenzucht sowie Reisproduktion) die Anforderungen agrarökologischer Komplexe. Bei diesen beispielhaft dargelegten Systemen werden z.B. überflutete Reisfelder auch zur Fischzucht genutzt, wobei angepasste Fischsorten sich von Schädlingen ernähren und ihre Ausscheidungen als Dünger für die Reisproduktion dienen. Vor allem die Aspekte der kleinbäuerlichen Produktion sowie der direkten Vernetzung von ProduzentInnen und KonsumentInnen ist für Prof. Altieri zentral: Er sieht für das, was er als „Food empires“ bezeichnet – d.h. industrielle VerarbeiterInnen und Verteiler wie z.B. Großmolkereien und internationale Supermarktketten  – keinerlei Zukunft und plädiert für eine „Bypass“-Lösung. Diese verbindet organisierte Kleinbäuerinnen und -bauern direkt mit den KonsumentInnen, um in autonomen Gebieten Lebensmittel zu produzieren und teilweise auch zu vertreiben. Prof. Altieri sieht für die momentan dominierenden Strukturen, bei denen die „Food empires“ als Flaschenhals zwischen ProduzentIn und KonsumentIn fungieren, keinerlei Zukunft und plädiert für einen entsprechenden radikalen Wandel.

 

Blaupause für Europa?

In der nachfolgenden Diskussion mit den TeilnehmerInnen der Fachtagung wurde gerade diese sehr revolutionäre statt evolutionäre Ausrichtung als in Deutschland kurz- bis mittelfristig nicht umsetzbar kritisiert. Allerdings wurde von den 32 TeilnehmerInnen der Veranstaltung diskutiert, welche Möglichkeiten das Konzept der Agrarökologie in sich tragen könnte, um Entwicklungs- und Umwelt-NGOs einzubeziehen, da die Fokussierung auf Landlose sowie Kleinbäuerinnen und -bauern in Verbindung mit nachhaltiger Landwirtschaft eine Brückenfunktion übernehmen könnte. Ob und in welchem Maße NGOs sich allerdings an einer Definition von Agrarökologie beteiligen (sollten), ist fraglich, obwohl es vonseiten der Agrarindustrie durchaus Bestrebungen gibt, die entsprechende Definitionshoheit in diesem Gebiet zu erreichen. Allerdings wurde, vor allem durch die anwesenden alternativen Agrarverbände, angemerkt, dass es zwar unter anderem im Rahmen der aktuellen und existentiellen Milchkrise durchaus Bestrebungen gibt, die Eigenversorgung stärker zu betonen – allerdings müssten Vorzeigebetriebe entsprechende Praktiken bereits implementiert haben, um Bäuerinnen und Bauern die entsprechenden Konzepte praktisch näherbringen zu können. Ein zentrales Ergebnis des NGO-Fachgespräches war, dass die deutschen Akteure in Bezug auf den Themenkomplex der Agrarökologie noch am Anfang stehen, wohingegen z.B. französische und zum Teil internationale NGOs wie ARC2020 in der Definition, Diskussion und Umsetzung sehr viel weiter sind. Ein Grund liegt sicher in der momentanen intensiven Förderung seitens des französischen Agrarministeriums. Sicher ist allerdings, dass Agrarökologie zwar eng mit der biologischen Landwirtschaft verknüpft ist, durch seine sozialen Implikationen aber noch darüber hinaus reicht. Um weitere Schritte auszuloten, werden die beteiligten Organisationen im Rahmen der „Wir haben es satt“-Demonstration am 16.01.2016 versuchen, ein weiteres Fachgespräch mit französischen Teilnehmern zu organisieren, um von der bereits geleisteten Arbeit zu lernen und sich mit den bereits existierenden internationalen Netzwerken nach Möglichkeit abzusprechen.

Der Autor Harry Hoffmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. und ehemaliger Projektleiter der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ beim Forum Umwelt und Entwicklung.