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8. November 2015 – Der Politische Suppentopf brodelt in Wuppertal!


Wer sichert eigentlich die Ernährung in den Städten der Zukunft? Was sind die großen Herausforderungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und Ernährung? Welche Initiativen gibt es in Wuppertal und Umgebung, die bereits Pfade in Richtung einer ökologischen und sozial gerechten Landwirtschaft beschreiten? Und wie können sich diese vernetzen bzw. ihre Vernetzung untereinander ausbauen?
Am Sonntag, den 8. November 2015, trafen sich etwa 30 Menschen – Bäuerinnen und Bauern, LebensmittelretterInnen, urbane GärtnerInnen, StadtteilgestalterInnen, Engagierte und Interessierte im Mirker Bahnhof in Wuppertal, um gemeinsam an Visionen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft zu basteln, Ideen zu entwickeln und deren Umsetzung zu planen. Natürlich wurde nicht nur eifrig diskutiert und genetzwerkt, sondern auch gemeinsam mit dem Kochaktivisten Wam Kat und der „Fläming Kitchen“ regionales Gemüse geschnippelt, gekocht und gespeist.

Ein weiter so ist keine Option!

Alessa Heuser vom INKOTA-netzwerk führte uns den globalen Kontext vor Augen: Die Industrialisierung und Globalisierung unserer Landwirtschaft führen uns in eine Sackgasse. Die natürlichen Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser und Biodiversität werden ausgebeutet, das Klima ist überlastet. Gleichzeitig leidet immer noch jeder achte Mensch an Hunger und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Wir brauchen einen radikalen und systemischen Wandel. Aber was heißt das konkret für Wuppertal und Umgebung?

Initiativen, die den Weg in die Zukunft vorgeben

Insgesamt 9 Akteure zeigten, wie sie Ernährung und Landwirtschaft in und um Wuppertal zukunftsfähiger machen. Dabei lagen die Schwerpunkte auf der Schaffung regionaler Versorgungsstrukturen, dem Ausbau urbaner Gartenprojekte und der Begegnung zwischen StädterInnen und den Menschen, die im Umland leben und Nahrungsmittel erzeugen. Ob engagierte ErzeugerInnen, Gärten in allen Formen und Varianten oder UmverteilerInnen von Lebensmitteln – es kam eine bunte Mischung aus Akteuren zusammen, die Lust auf eine Veränderung des Ernährungssystems in ihrer Region haben.
Einen spannenden Input aus dem globalen Süden lieferte Klaus Heß vom Informationsbüro Nicaragua. Er referierte zum Thema Ernährungssouveränität im globalen Süden und ging dabei insbesondere auf die Situation in Kuba und Nicaragua ein. Damit schlug er eine Brücke zwischen ernährungssouveränen Aktivitäten im globalen Norden und Süden. Beate Petersen vom Netzwerk „Wuppertals urbane Gärten“ stellte in ihren Vortrag die zahlreichen Gärten Wuppertals vor, die mittlerweile das Stadtbild prägen und die Themen Ernährung und Landwirtschaft auf die lokalpolitische Agenda holen. Alessa Heuser vom INKOTA-netzwerk brachte eine Idee aus Berlin mit. Stellvertretend für den sich etablierenden Ernährungsrat Berlin stellte sie die Idee und das Wirkungspotential von Ernährungsräten vor und regte dazu an, auch in Wuppertal einen Ernährungsrat gründen.

Schepershof

Der Schepershof ist ein biologisch-dynamischer Hof (55 ha) in gemeinnütziger Trägerschaft des Schepershof e.V. Dessen Ziele wie z. B. Pädagogik, Forschung und Sozialtherapie werden im Rahmen der Landwirtschaft und in kleinen kulturellen Veranstaltungen (Vorträge etc.) durch die Betreibergemeinschaft Schepershof GbR und Mitgliedern des Vereins verwirklicht. Zum Konzept gehört auch die Öffnung des Hofes für KundInnen und interessierte Menschen, sodass viele BesucherInnen einen Einblick in wesensgemäße Tierhaltung, Acker- und Gemüsebau und die hofeigene Käserei bekommen können. Der Hof gehört zu „Die Biohöfe im Windrather Tal“.

Hof zur Hellen

Im niederbergischen Windrather Tal gelegen, wird der Hof zur Hellen seit über 30 Jahren biodynamisch bewirtschaftet. Heute wird der Bauernhof von zwei Familien als Betriebsgemeinschaft geführt, unterstützt von vielen MitarbeiterInnen und HelferInnen. Die BetreiberInnen erzeugen gesunde und hochwertige Lebensmittel, die sie direkt über ihren Gemüsekisten-Lieferdienst und das hofeigene Bauerncafé vermarkten. Der Hof gehört zu „Die Biohöfe im Windrather Tal“.

Die Biohöfe im Windrather Tal

Das Windrather Tal ist ein Schwerpunktgebiet des ökologischen Landbaus für die gesamte Region zwischen südlichem Ruhrgebiet und Bergischem Land und weit darüber hinaus. Die Hofgemeinschaften haben untereinander vielschichtige Verknüpfungen. Neben dem Erfahrungsaustausch bildeten sich im Laufe der Zeit diverse Vernetzungsstrukturen, eine Maschinengemeinschaft oder der gebündelte Talhandel über den ca. 40 Bioläden und Feinkostgeschäfte beliefert werden. Auch mehrere Feste, über das Jahr verteilt und auf unterschiedlichen Höfen ausgerichtet, werden gemeinsam geplant und umgesetzt. Die Biohöfe Windrather Tal GbR ging im Oktober 2006 aus den fünf eigenständig wirtschaftenden Höfen der informellen Höfegemeinschaft Windrather Tal hervor. Sie gilt als einer der größten Marketing-Verbünde von Biohöfen in Nordrhein-Westfalen.

Wandelgarten mit Wandelkino

Obst- und Gemüsepflanzen in Säcken, Kisten und Kübeln – in einer Baulücke mitten in Wuppertal-Elberfeld? Ja, auch dort sind sie seit einigen Jahren regelmäßig zu sehen. In der Luisenstraße 110 entstand ein Gemeinschaftsgarten, der neben Geselligkeit auch Bewusstsein dafür schaffen will, wo unsere Nahrungsmittel eigentlich herkommen. In Kooperation mit dem Düsseldorfer Wandelkino und örtlichen Initiativen werden in den Sommermonaten Filme mit Botschaft gezeigt – z.B. über Honig/Bienen, Kräuter, Wasser, ökologische Landwirtschaft, nachhaltige Mobilität, Stadtentwicklung.

Netzwerk "Wuppertals Urbane Gärten"

Urbanes Gärtnern bietet neue innerstädtische Potenziale und ist ein weiterer wichtiger Baustein zu mehr Lebensqualität im Stadtraum. Anfang des Jahres 2015 fand sich das Netzwerk Urbane Gärten zusammen. Durch bürgerschaftliches Engagement waren in einigen Stadtbezirken ganz unterschiedliche Gemeinschaftsgärten entstanden – auf der Liegewiese im Freibad Mirke, auf einem Parkhaus-Deck, in einer Baulücke, an einer Kirche, auf einem Treppenabsatz und viele mehr. Gemeinsam mit anderen Initiativen und Studierenden der Bergischen Universität Wuppertal nutzte das Netzwerk Anfang 2015 ein leerstehendes Ladenlokal mitten im Einkaufszentrum und zeigte, dass urbanes Gärtnern mehr sein kann, als Kübel mit bunten Blumen zu bepflanzen. Begleitet wurde die zweiwöchige Ausstellung durch ein vielfältiges Programm rund um gesunde Nahrung in der „essbaren Stadt“. Es bleibt spannend beim Netzwerk Wuppertals urbane Gärten – ein erster Selbsterntegarten, der in Kooperation mit einem örtlichen Landwirt bewirtschaftet wird, kam hinzu. Auch die Wuppertaler Station Natur und Umwelt (StNU) trägt mit Schulgarten, Gemeinschaftsgärten und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm ganzjährig zur lokalen Umwelt- und Netzwerkbildung bei.

Foodsharing Wuppertal

Foodsharing ist eine über Deutschland hinaus wachsende Bewegung von Menschen, die sich ehrenamtlich und nahezu geldfrei gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzt. Auf der Plattform foodsharing.de können MitgliederInnen seit Ende 2012 privat Lebensmittel teilen und sich organisieren, um für die Mülltonne bestimmte Lebensmittel von kooperierenden Betrieben zu retten und zu „fairteilen“.

Bioladen Natur und Gesundheit

Natur und Gesundheit wurde 1987 zunächst auf dem Rott begründet, seit 1992 sind wir in der Stresemannstraße zwischen Barmer Bahnhof, Post und Altem Markt. Seit 2009 gibt es unser Kulturcafé PEGAH direkt im Nachbarlokal. PEGAH besteht seit 1986 und wurde als iranisch-deutsche MigrantInnen-Organisation begründet. Ganz wichtig für unseren Laden ist das genossenschaftliche Prinzip der Verbrauchsgemeinschaft. Unser Verein hat federführend einige große Veranstaltungen in Wuppertal gegen Gentechnik organisiert und wir waren immer beim „March against Monsanto“ in Düsseldorf dabei.

Utopiastadtgarten

Unter dem Motto „Essbarer Bahnhof — Essbare Stadt“ wollen wir die Flächen rund um Utopiastadt sinnvoll, naturnah, biologisch und fachgerecht gärtnerisch nutzen und bewirtschaften. Mit den angebauten Pflanzen versuchen wir zu zeigen, dass Gartenbau auch in der Stadt — teilweise selbst auf Balkon und Terrasse — auf einfache Weise jedem möglich ist. Menschen, die noch keine oder wenig Erfahrung mit dem Gärtnern haben, bekommen bei uns Hilfe und Anleitung. Die Vernetzung zu anderen Projekten und Initiativen ist dabei sehr wichtig. Wir treffen uns jeden Mittwoch ab 19.00 Uhr im Café Hutmacher. Jeden ersten Sonntag im Monat öffnet die „Gartenstube“ ihr Törchen.

Ernährungsrat Berlin

Der Ernährungsrat für Berlin ist eine offene Bewegung von Akteuren aus Berlin und Umland, die sich mit dem Thema Ernährung befassen. Unser Ziel ist es, den Themen „Ernährung“ und „Landwirtschaft“ – und damit zusammenhängenden Fragen wie Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung, Regionalität, soziale und globale Gerechtigkeit, menschliche und tierische Gesundheit – in der Region Berlin-Brandenburg mehr öffentliche Aufmerksamkeit und politische Schlagkraft zu verleihen. Der Rat ist ein breites Bündnis, das Ideen, Strategien, Vorschläge, Forderungen und Visionen entwickelt, um das Ernährungssystem in der Region Berlin-Brandenburg zukunftsfähig zu machen. Der Rat ist offen für alle Akteure aus Berlin und Umland, die sich mit dem Thema Ernährung befassen: bäuerliche ErzeugerInnen, StadtgärtnerInnen, lokale VertreterInnen aus Ernährungswirtschaft, Lebensmittelhandwerk und Gastronomie, LebensmittelretterInnen, Food-AktivistInnen, Engagierte von Verbänden und Vereinen, politische BildnerInnen, WissenschaftlerInnen, VerbraucherInnen etc.

Aktiv werden! Welches Rezept ernährt Wuppertal und Umgebung in Zukunft?

In der zweiten Tageshälfte waren alle eingeladen, selbst aktiv zu werden. In drei thematischen Kleingruppen wurden Erfahrungen ausgetauscht, Ideen gesammelt und konkrete Schritte für die Zukunft geplant.

1. Kleingruppe: Ernährung & soziale Gerechtigkeit

    Was läuft gut?

  • Stadt/Kommune stellt Flächen zur Verfügung
  • Fachliche Kompetenz (Netzwerk Urbane Gärten)

    Was läuft schlecht?

  • Bedürfnisse nicht identifiziert
  • Kommunikation zwischen Gärten und potentiell Identifizierten

    Was muss sich ändern?

  • Das Bild vom „dreckigen“ Gärtnern ändern

    Was können wir konkret tun?

  • In Einrichtungen Menschen erreichen
  • Schulgärten
  • Plattform für Vermittlung von Flächen
  • Einsatzgruppe für Informationsveranstaltungen bilden

2. Kleingruppe: Stadt-Land-Verbindungen

    Was läuft gut?

  • Vielseitige Vermarktung der Höfegemeinschaft Windrather Tal
  • Steigender Bedarf nach regionalen biologischen Produkten

    Was läuft schlecht?

  • Zu wenige lokale ErzeugerInnen (in NRW)
  • Fehlende zeitliche Ressourcen bei den ErzeugerInnen

     Was muss sich ändern?

  • Mehr VernetzerInnen als Schnittstelle zwischen dem städtischen und ländlichen Raum
  • Mehr „Service Learning“
  • Integration von Interessenten
  • Solidarische Landwirtschaft Wuppertal?

     Was können wir konkret tun?

  • Regionalität gut vermarkten
  • "Wochenmarkt" regionaler Biohöfe zu Gast bei Utopiastadt

3. Kleingruppe: Ernährungsbildung

    Was läuft gut?

  • Vorträge in Oecotrophologie und Massentierhaltung
  • Ernährungsbewusstsein hat sich verbessert bzw. verbessert sich
  • Foodsharing
  • Führungen auf dem Hof zur Hellen
  • Angebot am Lernort Wuppertal
  • Offener Bürgermeister
  • Neues Gesetz zur Gesundheitsprävention
  • Beauftragte für BürgerInnenbeteiligungen
  • Viele Initiativen in und um Wuppertal

    Was läuft schlecht?

  • Systematische Probleme: Leistungsgesellschaft, mangelnde Spielräume?
  • Unmündigkeit bei der Auswahl von Lebensmitteln
  • Keine Unterstützung der Nordstadtinitiative (Stilbruch u.a.) durch die Stadt
  • Zu wenig Ernährungsbildung in Schulen

    Was muss sich ändern?

  • Vernetzung der Aktionen
  • Ernährungsbildung: Schule – Eltern –  Kindergärten
  • Mehr Förderung durch die Stadt (z. B. Stilbruch)
  • Bewusstseinsschaffung (politisch; ethisch; gesundheitlich, auch bzgl. Kostenaufklärung)
  • Politische Bildung ⇒Subventionskritik ⇒Politische Souveränität/Mobilisierung
  • Transparenz

    Was können wir konkret tun?

  • Mehr Verteiler für Foodsharing
  • Sarah Wiener Stiftung (Arbeit und Kochen mit Kindern)
  • Mit AStA in Kontakt treten
  • Infostände bei Veranstaltungen gemeinsam machen
  • Vernetzung in den Gruppen vorantreiben
  • Sich gegenseitig fortbilden
  • Monatlicher Stammtisch

Wie geht’s weiter/Mitmachen

 

  • Aus der Kleingruppe „Ernährung & soziale Gerechtigkeit“ ist eine Gruppe entstanden,  die sich im Anschluss an den Politischen Suppentopf mit der Herausforderung beschäftigen will, mehr Menschen für urbane Gärten und den Themenkomplex Ernährung & Landwirtschaft zu begeistern. Kontakt bzw. Aufnahme in den E-Mail-Verteiler: Niklas, crazynix@gmx.de
  • Mitro Hofmann bietet Vorträge zum Thema Fleischkonsum an. Kontakt: 0202-4598109 oder mitro.hofmann@web.de
  • Die Ölbergkantine findet jeden 3. Sonntag im Monat im Café Stil Bruch statt und ist gleichzeitig Volxküche und Tausch-Buffet.
  • Die BUND Kreisgruppe Wuppertal trifft sich jeden 2. Montag im Monat im Bürgertreff Heckinghausen.
  • Über den Kulturserver PEGAH werden Termine zu den Themen Ernährung & Landwirtschaft veröffentlicht: www.pegah.kulturserver.de
  • Der „Lernort Wuppertal“ ist eine Mischung aus Denkfabrik, freiem Kolleg, KünstlerInnenatelier, Projektwerkstatt, „Gärraum“ für Existenzgründungen und Lebensort. Er arbeitet auch zu den Themen Ernährung & Landwirtschaft und freut sich über MitstreiterInnen. Kontakt: info@bzr-kreft.de

Der Politische Suppentopf kam gut an – einige persönliche Highlights von Teilnehmenden:

 

  "Persönliche Gespräche und Vernetzung

  "Gute Stimmung, Konstruktivität"

  "Die leckeren Speisen"

  "Vorstellung der Initiativen"